Ausstellung: Moos oder eine Studie über zerebrale Abgründe, die durch das Leben unter borealen Bedingungen verursacht werden

Ausstellung: Moos oder eine Studie über zerebrale Abgründe, die durch das Leben unter borealen Bedingungen verursacht werden

20.11.2021 – 29.1.2022

Mi–Fr 14–18 h und auf Verabredung oder zufällig („by chance and on demand“)

Berlin

Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz, Linienstr. 40, 10119 Berlin

Finnland-Institut in Deutschland, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz

Ausstellung ,

AUSSTELLUNG MIT RAHMENPROGRAMM.

Mit IC-98Alma HeikkiläAntti MajavaAndreas GreinerGoshka MancugaJulius von Bismarck und Julian Charrière und einer Intervention von Paula Erstmann.

Programm:
20.11.2021 | Antti Majava: Lecture Performance | Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz
28.1.2022 | 19–22 Uhr | Finissage und Musikperformance: itinerant interludes | Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz
28.1.2022 | ab 24 Uhr | Filmvorführung IC-98 in Zusammenarbeit mit Videoart at Midnight | Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz [Eintritt frei!]

Aus Unkenntnis, hedonistischem Desinteresse oder im Zuge der Verdrängung der eigenen Mitverantwortung nehmen wir den drastischen Kahlschlag der Arten und Spezies gar nicht wahr. Die Systemökologie hat die Zusammenhänge, die dazu führen, längst geklärt, dennoch dominiert abseits der Biologie noch heute die Vorstellung von der Natur als harmonischem System, in das sich der Mensch mit etwas gutem Willen einordnen kann.

Je kleiner die Lebensform, desto weniger wird dabei über sie nachgedacht. Moos – genau wie Pilze, Flechten oder Bakterien – existiert in dieser Vorstellungswelt unterhalb des Radars. Sie alle sind kleine, aber zentrale Teile des Ökosystems borealer Landschaften, deren Bild – wie es sowohl die Soziologie als auch die Anthropologie lehren – ein kultureller Entwurf ist, der sich aber dennoch, oder gerade deshalb wirkmächtig in Mentalitäten einschreibt. Moos verweist im Rahmen des Ausstellungskonzepts daher nicht nur auf sich selbst, sondern steht für die Zukunft und die Vergangenheit, aber auch für Sensualismus und Idealismus. Moos steht für „imaginierten Norden“, der von außen an die Region herangetragen wurde und dennoch oder gerade deshalb auch im Selbstbild des Nordens verankert ist. Die Ausstellung vereint Arbeiten von Künstler_innen, die sich, vor dem Hintergrund der realen Entwicklung und mit dem Erbe eines gescheiterten romantischen Idealismus im Gepäck, explizit mit den Bildern und Realitäten des globalen Nordens auseinandersetzen. Sie alle teilen die Überzeugung, dass Kunst neben dem visuellen vor allem für das kritische Bewusstsein einer Gesellschaft Verantwortung trägt.

Das finnische Duo IC-98 (Visa Suonpää und Patrik Söderlund) inszeniert in seinem Film Omnia mutantur (2018) in poetischen Bildern die Langsamkeit subpolarer Natur bei der Rückeroberung kontaminierten Geländes. Die Kooperation mit kleinsten, nicht-menschlichen Organismen kennzeichnet die Bilder und Installationen von Alma Heikkilä, denen sich auch 8 Heads High (2016) von Andreas Greiner, eine Serie von Rasterelektronenmikroskop-Bildern verschiedener Algen, widmet. Heikkilä wird eine neue, ortsspezifische Wandarbeit für die Ausstellung anfertigen. Julian Charriére & Julius von Bismarcks Fotografien dokumentieren eine Serie von Interventionen in die Natur 2012/13, die sich mit der komplexen Wahrnehmung der Natur zwischen Realität und ihrer konzeptuellen Form und den daraus resultierenden Problemen auseinandersetzt. Ähnlich argumentiert Goshka Mancugas Teppichbild Latent Image (2020) aus der Serie ihrer großen Waldbilder. Es reflektiert mit seinem Collagen-Charakter das historische und ökonomische bedingte, sich in vielschichtigen inneren Bildern manifestierende Verhältnis des Menschen zum Ökosystem Wald. Antti Majava wird im Rahmen der Ausstellung eine Lecture Performance über ökonomische Aspekte des Waldes als CO2-Speicher halten.